Bang, Bang #3
III.
In der Ferne höre ich sie zählen, rückwärts. Ich erklimme den Hügel. Das Gras ist feucht, rauer Reif liegt auf satten Blättern, erwartungsvoll. Es ist beinahe Mitternacht. Im Westen erahne ich ein distanziertes, scheues Leuchten, das schnell an Mut gewinnt. Ich setzte mich ins Gras, unter mir erstreckt sich das verästelte Labyrinth, in dem man sich so leicht, so gern verliert. Mir wird ganz melancholisch, ein Gefühl von heiliger Einfalt schwillt in meiner Brust. Ich wiege die Pistole in meiner Hand. In der anderen umklammere ich meine abgewetzte Liste. Der Bach im Gebirge erfreut mich mehr als das weite Meer, endet Fernández Díaz. Es kommt mir vor, als schwänge in der Luft leise Musik. Ich bette die Waffe im Grün zur Ruhe. Und zerreiße gleichmütig die Aufzählung. Es regnet unvollendete Fetzen, ein Testament jener Zeit.
Von hier oben wirken die Sterne erwachsen, zum Greifen nahe. Man möchte sich mit ihnen trostvoll zudecken. In meiner Tasche finde ich, was übrig ist – ein weißes Blatt Papier. Ich betrachte es, lächle knapp über den Inhalt und weiß, es ist, wie es ist und es ist gut. Ich dachte, mir fehlen die Worte. Dabei ist einfach alles gesagt.
Von der Ferne Glockengeläut zum letzten Geleit, die Uhren springen auf null. Das Licht ist schon sehr hell, es blendet mich. Sein Schein umfängt die Welt zu meinen Füßen, hüllt mich ein in ein warmes, makelloses Weiß. Ich erkenne blaue Linien auf durchscheinender Haut. Ich ziele mit meinem Finger auf die Lichtflut. Ich warte und verblasse, in aller Ruhe.
Es beginnt mit einem Knall.
Tags: 2012, Alles auf Anfang, Big Bang
Bang, Bang #2
II.
Belebende Frische schlägt mir entgegen. Rauch liegt über finsteren Straßenzügen und engen Schluchten, die wirken, als hätte man sie mit roher Gewalt in den nackten Beton geschlagen. Aber ich sehe kein Feuer – doch steht der Himmel in Flammen. Raketen schießen zischend empor, ziehen lange Streifen wie Spinnenweben hinter sich her, ehe sie explodieren – in grüne, blaue und rote Blumen. Sie feiern das neue Jahr, denke ich, elf Tage zu früh. Einige Kinder sprengen lachend an mir vorbei, feuern Pistolen aufeinander ab, die sie aus ihren Händen formen. Irgendwo brennt eine Zündschnur herunter. Der dumpfe Donnerschlag nimmt die Orientierung. Tongefäße und Porzellan regnen aus Fenstern über mir. Sand liegt in der Luft, schneidet mein Gesicht, knirscht in meinem Mund.
Ich nehme mir einen Moment, starre zum bestirnten Firmament, verbinde in meiner Fantasie die Linien, bis ein Netz entsteht, in dem ich mich verliere. Dann kommen sie, umringen und ergreifen mich. Sie pressen und treiben, einem geheimnisvollen Ziel entgegen – formen aus einem Aussteiger einen Mitläufer.
Der Auflauf wird an jeder Kreuzung monströser, drängt dicht an dicht, quillt schneller, wie ein reißender Wildbach, durch die Klamm der Gassen, reißt mich mit sich, ob ich will oder nicht. Ich ergebe mich, lasse es, mit großen Augen und offenem Herzen, geschehen. Alles strömt zusammen, durch den Sund. Dann streben die Wände auseinander, bilden ein Karree. Im Mittelpunkt: ein Feuerscheit. Flammen blecken in den Nachthimmel, züngeln vor sich hin. Wir sind Motten, Nachtschwärmer – das Licht: Schicksal. Gestapelte Träume und hölzerne Hoffnung. Es knistert. Funken fliegen, steigen empor. Um mich herum entsteht ein Strudel, der um das Fegefeuer tobt, dem niemand entkommt. Zuerst zerrt er mich mit, dann bleibe ich plötzlich stehen. Ich werfe den Kopf in den Nacken.
Die Feuerblumen verengen sich, drängen zum Zentrum. Ich drehe mich, aus eigener Kraft, um mich herum, schneller und immer schneller. Beißender Qualm. Aus tränenden Augen. Ein Kaleidoskop am Himmel, das ich beliebig arrangiere. Das Firmament ist eine unendliche Leinwand, an das der Künstler seine vergänglichen Farben schleudert. Ein Malstrom – im Griff der Gezeiten. Nichts ist von Dauer. Alles ist eitel. Worte sind wie Sterne. Und alles ist nichts.
Etwas zupft an mir. Es ist einer der Jungen von vorhin. Ich forme mit Zeigefinger und Daumen eine Handfeuerwaffe und drücke ab. Er schüttelt nur traurig das lockige Haar, zeigt nach oben. Ich frage ihn, wie spät es ist, doch es ist bereits zu spät. Er ist bereits verschwunden. Etwas bleibt. Geflügelte Worte und katabatische Zeit.
Ich betrachte die verzerrten Gesichter, in ihren onyxfarbenen, entzündeten Augen ein kalter Brand. Sie stieren glasig zum Himmel und zählen die Sterne wie Sekunden zwischen jedem Donnerschlag. Sie suchen verblendet nach Erleuchtung am nächtlichen Zelt. Ein Gestirn, so glauben sie, weist den Weg, rückwärts durch die Geschichte. Eine Konstante im Auge des Sturms. »Nonsense!«, rufe ich aus, dann weiß ich es. Ich beginne zu verschwimmen, die Masse brandet gegen meine Brust, treibt mich zur Glut, zum Drang, aber ich halte dagegen, beiße auf spröde Lippen, kämpfe mich durch und lecke Blut. Ein letztes Aufbäumen und ich bin frei. Der Schwarm bleibt zurück, verzehrt sich selbst. Ein Mann entkommt. Der bescheidene Schriftsteller, der ein Mitläufer war.
Die Enge ist erreicht, tiefer führt die Grotte, tiefer in die Nacht hinein. Künstlicher Schimmer nervös flackernder Laternen raubt mir den Atem. Meine Pistole, wie Blei, zieht mich herunter in die Tiefe. Kurz bevor ich ertrinke, finde ich einen Ausweg, als stieße man eine Schleuse vor sich auf. Ich kann schon danach greifen, aber fassen kann ich es nicht. Ich blicke zurück. An die Fassade vor mir gelehnt, eine schwarze Fratze, die mich stumm belauert und verfolgt. Ich ziehe den Revolver, wie einen Stachel aus meinem Fleisch. Ich will mich verteidigen, doch der scharf umrissene Schemen wirbelt herum. Schüsse schallen durch die Gassen, die Welt erbebt. Als es vorbei ist, bin ich noch auf den Beinen. Ich springe über meinen Schatten, trete durch das Tor, verlasse den versteinerten Wald und schmecke Salz auf meinen Lippen.
Tags: 2012, Alles auf Anfang, Big Bang
Bang, Bang #1
I.
Es endet mit einem Knall.
Ein weiteres Blatt – zerknautscht und achtlos weggeworfen – säumt den Boden wie seine zahllosen Vorläufer. Ich beginne von Neuem, lausche einen Moment der Nadel, die über das Vinyl kratzt, ehe Fernández Díaz weiterspielt. Er sagt, er sei ein aufrichtiger Mensch und wünscht sich seine Verse von der Seele zu singen. Ich tue ihm den Gefallen. Man hätte gerne eine Sammlung letzter Worte berühmter Menschen. Ich habe nur diese Schellackplatte und mein weißes Blatt Papier.
Das Hemd klebt an meinem Körper, Schweiß liegt wie ein Ölfilm auf der Stirn. Ein kurzatmiger Ventilator rotiert in der oberen Ecke des Raums. Am Gitter: Streifen aus Stoff, zappeln im Luftstrom wie silberne Fische. Wie die Luft im Raum steht, steht die Zeit. Mir fehlen die Worte. Ich denke an Rilke. ‚Ist es möglich, dass man Jahrtausende Zeit gehabt hat, zu schauen, nachzudenken und aufzuzeichnen, und dass man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause, in der man sein Butterbrot isst und einen Apfel?‘ Anbei liegt ein abgegriffener, schartiger Zettel voller Zeitverschwendung. Er liest sich wie eine Einkaufsliste. Alle Punkte sind inzwischen durchgestrichen, abgehakt, erledigt. Alle – bis auf einer.
Papier ist geduldig, ich bin es nicht. Neben dem Tintenfass harrt mein Briefbeschwerer, eine kobaltblaue Bleispritze, in geschwängerter Erwartung, lauernd, sehnsüchtig. Ich tauche den Federhalter in blauschwarze Tinte. Der graue Zylinder glänzt matt im Schein der Glühbirne. Jedes Wort, das durch meine Feder aufs Papier fließt, erscheint formal korrekt – doch im Gefühl so leidlich falsch. Ich setze ab und bin erschöpft. Ich bin von gestern und denke an morgen. Was gebe ich weiter? Was lasse ich zurück?
Das Gewicht der Schwüle lastet auf meinen Schultern. Ich lege den Kopf in den Nacken, kneife die Augen zusammen, reibe mit den Händen durch mein müdes Gesicht. Lichtimpulse vor meinem inneren Auge formen fahle Bilder. Dann blinzle ich. Die Decke über mir ist fleckig. Ein Nachtfalter zieht unruhig seine Bahnen um die Lichtquelle, so, als gäbe es kein Morgen. Das Rieseln von feinem Staub erinnert mich, dass die Zeit nicht steht – nein, sie rennt. Und ruft mir ins Gedächtnis, wie aus einem Anhalter ein Aussteiger wurde.
Ich betrachte erneut das Papier und die kümmerlichen Worte darauf, die mir gehören, so stiefmütterlich. Ungehalten zerreiße ich das befleckte Weiß. Auf meinem morschen Estrich ist noch Platz. Ich suche nach Worten und finde Chaos. Um mich herum. Ich schaue auf die Uhr. Ein Kribbeln. Unruhe ergreift mich, macht mich rastlos. Ich muss mich zwingen, ruhig zu atmen. Am Anfang war das Wort. Die Geschichte der Welt, ein Déjà-vu. Déjà-vu. Die Platte springt. Seufzend erhebe ich mich und nehme die Nadel vom schwarzen Lakritz. Jetzt höre ich Donnergrollen und zerberstendes Geschirr. Ich werfe einen Blick durch den milchigen Vorhang, hinaus auf die Straße. Alles wirkt durch diesen Schleier unwirklich, ein Fiebertraum hinter Fiberglas. Aufruhr in den Gassen – doch lachen die Menschen, feiern, selbst wenn es nichts zu feiern gibt – außer sich selber.
Die Stadt gleicht von hier einem kafkaesken, unförmigen Lebewesen. Ihr Name Wolpertinger, Schimäre, Chupacabra. Obwohl es Nacht ist, tagt die Gesellschaft, schiebt sich durch die Schlagadern dieses Ungetüms, am Puls der Zeit. Der Impuls, der Enge zu entkommen. Ich stecke den Revolver ein. Meine Liste. Und Papier.
Tags: 2012, Alles auf Anfang, Big Bang
Best of 2011
Da ich ja ein ungemein großer Freund von Traditionen bin, lasse ich es mir nicht nehmen, und präsentiere an dieser Stelle wieder meine ganz subjektiven Highlights das ablaufenden Jahres:
Film des Jahres: 127 Hours
Warum? Weil Danny Boyle mit nur einem Darsteller eine so intensive, perfekt durchkomponierte Erfahrung kreiert, wie es 2011 niemand anders geschafft hat.
Song des Jahres: Silversun Pickups – Panic Switch
Warum? Weil dieser Ohrwurm, wäre er nicht ausschließlich im Trailer verwendet worden, aus dem desaströsen Sucker Punch im Alleingang spielend einen großen Film gemacht hätte.
Album des Jahres: Bob Dylan – Dylan
Warum? Weil kein anderes Album so viele Meilensteine der Musikgeschichte vereint wie diese große (wenn auch nicht perfekte) Compilation – meistgehört übrigens: Don’t Think Twice, It’s All Right.
Buch des Jahres: Salman Rushdie – Der Boden unter ihren Füßen
Warum? Weil diese moderne Orpheus-Erzählung ein episches Werk voller Liebe, Hass, Vergeltung und vor allem Rock n’ Roll ist. Was kann man mehr wollen?
Hörbuch des Jahres: Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt
Warum? Weil der Typ vom 10-D-Mark-Schein hier in bester Scrooge-Manier als manischer Menschenhasser einen trockenen Spruch nach dem anderen raushaut. Ein Genuss!
Konzert des Jahres: Jamaram im Stadtgarten Köln
Warum? Weil 50% des Publikums aus dem Lena – Liebe meines Lebens – Teams bestand, das unermüdlich Murxens Kille Kille gesungen und damit sein Herz erweicht hat.
Game des Jahres: Warhammer 40.000: Dawn of War II – Retribution
Warum? Weil es in der Finsternis der fernen Zukunft nicht nur keinen Frieden gibt – sondern obendrein eine enorme Langzeitmotivation.
Serie des Jahres: Game of Thrones (Staffel 1)
Warum? Weil George R. R. Martins Vision des Liedes von Eis und Feuer großartig adaptiert wurde und vom ersten bis zum letzten Blutstropfen zu fesseln weiß.
Comic des Jahres: Scott Pilgrim
Warum? Weil doch in jedem von uns ein kleiner Nerd wie Scott steckt.
Tag des Jahres: 26.06.
Warum? Weil nicht nur die Sonne schien, die Getränke perfekt gekühlt und Leute gut drauf waren – nein, wir haben auch Schwein gehabt.
Tags: 127 Hours, Bob Dylan, Daniel Kehlmann, Danny Boyle, Dawn of War, Die Vermessung der Welt, Jamaram, Panic Switch, Salman Rushdie, Silversun Pickups, Warhammer 40.000
Hot Shots #3
AbiTour
Schroff tragen die Klippen endlos ins Meer. Das weiße Rauschen lullt uns ein, macht uns zum Teil des Stroms. Wir haben uns geschworen, miteinander bis ans Ende der Welt zu gehen. Ein letztes Mal. Es schmeckt nach Freiheit. Es duftet nach Sommer. Vielleicht habe ich es mir anders vorgestellt.
Wir haben die mächtigen Ausläufer der Ardennen an uns vorbeiziehen sehen, wie Titanenfüße, die nach Süden streben, so wie wir. Wir besitzen nicht viel mehr als das, was wir am Körper tragen und die Last unserer Schwermut. Wir sitzen in einem kleinen Wagen. Wir flüchten, vor der Realität, vor dem Ende – dem Ende entgegen. Ein letztes Mal sind wir Giganten.
Die Pyrenäen stellen sich in den Weg, drohen uns mit ihrer grauen Felsformation zu ersticken, aber wir finden einen Weg, wie wir es seit jeher getan haben, seit wir uns kennen. Er, Sie und ich. Seit dem Sandkasten. Vor uns öffnet sich nun der Vorhang, und die gesamte Welt wird zum Spielplatz. Ein letztes Mal sind wir neugierige Kinder, wissbegierige Schüler.
In Madrid stehen wir gemeinsam auf der Puerta del Sol, im Mittelpunkt, halten uns an den Händen, unfähig loszulassen, erleben den Sonnenaufgang, unter unseren Füßen liegt der Null-Kilometerstein, wie ein Neuanfang. Alle Schicksale trennen sich hier, nur nicht das unsere. Wir müssen weiter. Ein letztes Mal sind wir Stürmer, sind wir Dränger.
Wie eine Kugel im Lauf stoßen wir ins Herz Portugals vor, Alentejo. Das Wetter trocknet uns aus, raubt die letzte Kraft, aber wir stürmen weiter vorwärts, wir bleiben dran, bleiben treu und mutig, und harren der Dinge, unser Ziel vor Augen. Irgendwann reißt der Himmel auf und am Horizont erblicken wir eine Lanze aus Licht, ein Leuchtturm, gleich einer Brücke vom Himmel zur Erde – wir halten unweigerlich darauf zu. Ein letztes Mal sind wir Heroen.
Wir kennen keine Autoritäten, kennen keine Regeln. Wir tun, was wir für richtig halten. Er grinst spitzbübisch, die riesige Sonnenbrille auf der Nase. Dann drückt Er aufs Gas, sein Grinsen schwillt an wie das Keuchen des Motors. Sie hält den Kopf aus dem Fenster und brüllt ihre Lebenslust heraus, die sich mit dem Heulen des Fahrtwindes vermischt, während unser Stern langsam sinkt. Das kleine Kitzeln unter meinem Herzen. Ein letztes Mal sind wir Rebellen, Ausgestoßene. Mit dem Durst nach Sommer und Salz auf unserer Haut.
Jenseits des Meeres warten neue Abenteuer, der Poniente trägt mir ihren Duft entgegen. In die Ferne spähend, thronen wir jetzt über der Flut, sind ein letztes Mal Götter, ehe uns die Realität aufsaugt und als erwachsene Menschenkinder wieder ausspuckt. Die Klippen. Die Tiefe. Das Ende.
Sie reibt sich die Augen. Tränen glitzern auf ihren Wangen wie Diamanten. Wenn ich Sie frage, wird Sie sagen, es sei nichts. Nur der Wind. Für einen Moment verspüre ich jene alte Wärme, die wir teilten, als wir uns vor Dekaden auf den Weg gemacht haben. Ich will meinen Arm um Sie legen, aber ich zögere, will es nicht schwerer machen, als es ist.
Auch Er verschränkt die Arme, Sonnenlicht auf seinem Gesicht, in Gedanken versunken. Als Er meinen Blick bemerkt, schenkt Er mir ein knappes, gebrochenes Lächeln. Auch Er fühlt es, weiß es. Dieser magische Moment. Es ist vorbei.
Die Reise, der rote Faden, der uns vorwärtsgetrieben hat, reißt hier ab. Die Flucht ist zu Ende, unsere Zukunft nimmt uns bei der Hand. Zuhause erwartet uns der Abschluss und mit ihm der nächste Aufbruch. Alles ist in Bewegung. Niemand weiß, wohin die Strömung treibt. Zerrissen in roher Gewalt, verschmolzen mit dem Fluss der Zeit, der in die Zukunft stürzt wie ein Wildbach.
Das Meer unter uns rauscht unbeeindruckt weiter, während sich die Sonne blutend in die Fluten stürzt und im nächsten Moment – ein finales gleißendes Leuchten – verschwunden ist. Wir finden nicht viel an diesem Ort, außer uns selber, aber entscheidend ist, was wir hinterlassen: Eindrücke.
Wir sind, was wir waren. Ein letztes Mal und unvergessen: Freunde. Tragische Helden unserer eigenen Geschichte.
Tags: AbiTour, Dominik Krug, Heldensommer, Kurzgeschichten
Der Ofen ist aus
Krugschluss #1:
Mit dem Abschluss eines Buches ist es wie mit dem Ende einer langährigen Beziehung. Zu Beginn braucht es reichlich Abstand, aber nach einer Weile kommt man ganz gut klar. Und freut sich über frischen Wind im Schlafzimmer.
Tags: Beziehung, Beziehungsaus, Beziehungsbeziehung, Beziehungskrise, Beziehungspause, Beziehungsweise
SouthSide: Wir tun mal so, als ob…
So – oder so ähnlich – könnte die ganze Geschichte dann irgendwann mal aussehen…


Tags: Bratwurst, Dominik Krug, Ende der Welt, Roadmovie, Roman, SouthSide
Hot Shots #2
Orpheus’ Encore
Atmen. Nur das Atmen nicht vergessen. Die Nacht hüllt uns in ihren schwarzen Schleier. Schlafes Bruder scheint nicht weit. Durch die Baumkronen dringt weicher, silbriger Schein, wie von einem Bühnenlicht. Die sanfte Brise, die durch das Geäst fährt, klingt wie ein gespanntes Publikum, das die Luft anhält. Ich stehe auf dem Dreimeterbrett, es ist so dunkel, dass ich nur ahnen kann, ob Wasser im Becken fließt. Zugabe.
Ich nehme es in Kauf, ins Leere zu springen, wenn du meine Hoffnung erhörst. Meine Hoffnung so hochgestochen, dass mich dein Kuss zu töten vermag. Ich erinnere alles.
Wie könnte ich die Nacht vergessen, den Klang der Sirenen von Ferne her, die schwachen Parkleuchten, umschwirrt von Nachtfaltern, den Duft deiner Haare, nach Mandelblüte und Sternenstaub, wie du mit ihnen spielst und mich anlächelst. Die Zeit scheint stillzustehen.
Unsere Hände, beinahe berühren sie sich, als du von dir erzählst und ich aufmerksam lausche – das Schattenreich liegt vor uns, schwül und friedlich, wir haben nichts vor, lassen uns treiben.
Ich klettere auf die andere Seite des Zauns, wie es ein Held tun sollte, öffne dir die verbotene Pforte, du ergreifst meine Hand, führst mich zum Becken, zum Turm, ohne dich umzusehen. Ohne zu zögern.
Mit jeder Sprosse, die ich steige, bin ich dem Himmel ein Stück näher. Die Welt unterhalb scheint belanglos, winzig. Ich reiche dir die Hand, als ich angekommen bin. Du ergreifst sie nicht, brauchst sie nicht, denn du bist so kraftvoll und leuchtest in die Nacht hinaus. Das stählerne Geländer lassen wir hinter uns. Freiheit. Ohne Netz. Mit doppeltem Boden. Ich schwanke, die Erde unter uns scheint aufzureißen, um uns zu verschlingen. Der Grund, unter unseren nackten Füßen.
Das Silberlicht liegt auf dir, umschmeichelt deine Züge, tanzt auf deinen Haaren, macht mich eifersüchtig. Das stocksteife Publikum hält den Atem an, wankt von rechts nach links, mehr regt sich nicht. Ich fasse mir ein Herz, um es dir zu reichen, aber wie immer kommst du mir zuvor.
Du legst deine Arme um meinen Hals, tauchst ein in meine Augen, die ich nicht traue zu schließen, aus Angst, nur eine Sekunde des teuren Moments zu vergießen. Er endet unvermittelt.
Dein Handy klingelt, es ist deine Mutter, die sich Sorgen macht, das weißt du. Wir können nicht entkommen. Springen. Wir könnten springen.
Ohne zu zögern nimmst du meine Hand, ziehst mich über den Rand. Loslassen. Freier Fall. Schwerelos. Oberfläche wird Unterwelt. Wir sinken, dann steigen wir auf, jetzt endlich ziehe ich dich mit mir, will dich nie wieder loslassen. Atmen, nur nicht atmen.
Hand in Hand gehen wir nach Hause, hinterlassen eine feuchte Spur, die unser Geheimnis nachzeichnet. An der Haustür lege ich meine noch klammen Hände auf deine Hüfte, du lächelst, nickst – Worte sind überflüssig – du küsst mich. Ich bin zu überwältigt, um die Augen wieder zu öffnen. Du gibst mir einen weiteren Kuss, den ich atme wie dein Leben, und entlässt mich in die Nacht.
Als ich am Tor stehe, verharre ich, atme tief ein, blicke noch einmal zurück, doch du bist bereits verschwunden. Der Sommer endet, haucht ein Heldenleben aus.
Tags: Dominik Krug, Eurydike, Hands Down, Heldensommer, Kurzgeschichten, Orpheus, Unterwelt
Hot Shots #1
Waldmeister

Das Grillenzirpen gleicht einer eintönigen Kakophonie, einer Wand, einem Testton einer alten Mattscheibe. Das Gras ist bleich, verbrannt von der Sonne. Nichts bewegt sich, außer der Luft, die vor sich hinflimmert. Ein Schatten fällt auf den Boden.
Es ist Sommer. Der 10. Juli. 1994. Fussball-WM in den USA. Und ich stehe im Tor. Ich bin neun. Zeitgleich steht mein Held zwischen den Pfosten. Das vor Statik kreischende Radio am Spielfeldrand, den sich längst die Natur zurückerkämpft hat, verrät es mir. Er in New York. Ich irgendwo.
Hinter dem Dickicht liegt eine alte Schlachterei. Ich sehe ihr Dach, von dem rote Farbe abblättert wie Konfetti. Knochen liegen auf dem Feld verstreut wie längst vergessene Überbleibsel antiker Zweikämpfe. Die Tore auf beiden Seiten, nicht mehr als morsche Holzstücke, aus denen rostige Nägel ragen.
Ein Duell. Die Wahl der Waffen liegt bei meinem Gegner. Der Lederball ruht auf dem gedachten Elfmeterpunkt. Er ist am Zug. Aktion, Reaktion. Schweiß und Blut.
Ich überprüfe meinen Stand, Staub wirbelt auf. Ich unterdrücke ein Husten. Volle Konzentration. Mit der Zunge fahre ich über meine spröden Lippen. Es ist heiß. Ich bin am Ende. Das letzte Aufbäumen. Der letzte Biss. Das Spiel ist so gut wie gelaufen.
Um die Moral des Gegenspielers zu untergraben – oder einfach, um mich eigenhändig anzutreiben – klatsche ich in die Hände. Das macht mein Held auch. Habe ich oft genug im Fernsehen gesehen. Er trägt keine Fahrradhandschuhe. Auf dem Land ist alles anders. Nur Mut.
Hinter den Baumkronen und Sträuchern – hölzernes, erstarrtes Publikum – senkt sich die Sonne im Zeitraffer dem Erdboden entgegen, wie ein Signal. Ein Symbol. Die Umgebung ertrinkt in rotgelbem Licht, macht daraus einen Hexenkessel. Sie blendet mich, ist der eigentliche Gegenspieler, treibt mir den Schweiß auf die Stirn.
Der Mann am Ball. Gelassen die Arme in die Hüften gestützt. Er spuckt aus. Im Gegenlicht nicht mehr als eine Schattengestalt. Ich kann ihn nicht einschätzen. Ich kneife die Augen zusammen, erkenne aber weder seinen Blick, noch Mimik. Geht es ihm wie mir? Er ist alle, er kann auch nicht mehr, das spüre ich – oder meine es zu spüren. In Wahrheit ist er eiskalt und zugleich abgebrüht. Südosteuropäer. Es duftet nach Heu, es kitzelt in meiner Nase. Der Geschmack von Entscheidung liegt in der Luft.
Noch diskutiert man am Spielfeldrand, ob das Foul strafstoßwürdig war. Der Trainer, die Spieler, das Schiedsgericht, vor allem die Zuschauer auf den Rängen. Für uns aber hat der Zweikampf längst begonnen. Unbeeindruckt stehen wir im Kasten. Ohne Wenn und Aber. Was muss, das muss. Wir waren schon immer mehr Menschen der Taten, nicht der Worte. Dennoch: Hier kann ich keinen Einfluss nehmen, muss warten. Das ist Taktik. Zermürbung. Schwere Geschütze werden aufgefahren.
Nur dem Tormann, der sich völlig ruhig verhält, schießt der Schütze den Ball in die Hände, behauptet Peter Handke. Alles rein oberflächliche Betrachtung. Schein und Sein. Im Inneren bin ich ein Nervenbündel. Ich schließe die Augen, schotte mich von der Außenwelt ab, rufe mich zur Raison. Was denkt mein Held gerade?
Eine Krähe beobachtet das Spektakel. Sie gibt den Unparteiischen. Als spürt sie die Anspannung, stürzt sie sich in die Lüfte und fliegt davon. Verächtliches Krächzen. Das Zeichen.
Ich höre auf meine Atmung, die immer tiefer und gleichmäßiger wird. Mein Herz schlägt laut und dumpf in meiner Brust wie die Trommler in der Südkurve. Es ist dieser eine Moment, der über Sieg oder Niederlage entscheidet, ein Moment, der zwei Leben prägt. All dies dauert nicht länger als ein paar Sekunden.
Die Worte des Kommentators überschlagen sich, der Bulgare läuft an, meine Augen springen auf, ich höre einen lauten Knall, ich falle – nein, ich fliege – greife nach den Sternen – in Bodennähe. Die Zikaden jubeln laut.
Tags: Bodo Illgner, Dominik Krug, Fussball, Heldensommer, Hot Shots, Kurzgeschichten, Sommer, USA, Waldmeister, Weltmeisterschaft


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